Schülerinnen und Schüler dort abholen, wo sie stehen – der Weg zu einem schülerzentrierten Unterricht

LEGO® Education Redaktionsteam
Veröffentlicht am 28. September 2026
Über diesen Artikel

    Die meisten Lehrkräfte wissen, wie wichtig eine Lernumgebung ist, in der Schülerinnen und Schüler eigenverantwortlich lernen und den Unterricht aktiv mitgestalten können. Ein differenzierter, schülerzentrierter Ansatz – Schülerinnen und Schüler dort abholen, wo sie stehen – bietet hierfür großes Potenzial. Gleichzeitig bringt ein solcher Perspektivwechsel in der Unterrichtsgestaltung verständlicherweise auch Fragen und Unsicherheiten mit sich.

    In diesem Beitrag werfen wir einen Blick darauf, was es bedeutet, Schülerinnen und Schüler dort abzuholen, wo sie stehen, und warum ein schülerzentrierter Unterricht so wirkungsvoll sein kann. Außerdem zeigen wir praxisnahe Möglichkeiten auf, wie Lehrkräfte diesen Ansatz Schritt für Schritt in ihren Unterricht integrieren können – und dabei Sicherheit gewinnen, neue Wege auszuprobieren.

    Warum es wichtig ist, Schülerinnen und Schüler dort abzuholen, wo sie stehen

    Schülerinnen und Schüler dort abzuholen, wo sie stehen, ist ein pädagogischer Ansatz, der den Unterricht an den individuellen Lernvoraussetzungen und Bedürfnissen jedes einzelnen Kindes ausrichtet – anstatt alle mit derselben Methode zu unterrichten. So entstehen mehr Chancengerechtigkeit im Unterricht und mehr Möglichkeiten für Schülerinnen und Schüler, ihren Lernprozess aktiv mitzugestalten. Das fördert Motivation, Lernfreude und die Bereitschaft, eigenverantwortlich zu lernen.

    Das Besondere an diesem Ansatz ist, dass er allen Schülerinnen und Schülern zugutekommt. Er unterstützt nachhaltiges Lernen und hilft ihnen, Wissen zu vertiefen und Kompetenzen in ihrem individuellen Lerntempo sicher auszubauen. Klingt vielversprechend, oder? Gleichzeitig stützt sich dieser Ansatz auf ein etabliertes pädagogisches Konzept: die Zone der nächsten Entwicklung (ZNE) nach Lew Wygotski. Sie liefert die theoretische Grundlage dafür, warum schülerzentrierter Unterricht so wirkungsvoll sein kann.

    Wygotski ging davon aus, dass es einen optimalen Bereich für erfolgreiches Lernen gibt. In diesem Bereich können Kinder mit gezielter Unterstützung Aufgaben bewältigen, die sie allein noch nicht lösen könnten. Die Zone der nächsten Entwicklung liegt somit zwischen dem, was Lernende bereits selbstständig können, und dem, was sie mit Unterstützung erreichen können. Genau in diesem Bereich erwerben Kinder neues Wissen und Kompetenzen, die sie später eigenständig anwenden können.

    Die Herausforderung besteht darin, dass sich nicht alle Schülerinnen und Schüler gleichzeitig in dieser Zone befinden. Manche benötigen noch individuelle Unterstützung, um sich ein Konzept oder eine Fähigkeit sicher anzueignen, während andere die Aufgabe bereits selbstständig lösen können. Wie gelingt es also, allen Lernenden gerecht zu werden, niemanden zurückzulassen und gleichzeitig diejenigen weiter zu fördern, die bereits für den nächsten Schritt bereit sind?

    Genau hier zeigt ein schülerzentrierter Unterricht seine Stärken. Damit alle Schülerinnen und Schüler ein Thema nachhaltig verstehen, brauchen Lehrkräfte einen Ansatz, der individuelle Lernwege ermöglicht und Lernende aktiv in die Gestaltung des Unterrichts einbezieht. Ein solcher Ansatz erleichtert die innere Differenzierung im Unterricht, stärkt die Eigenverantwortung der Schülerinnen und Schüler und unterstützt Lehrkräfte dabei, den individuellen Lernstand ihrer Klasse jederzeit im Blick zu behalten.

    Was braucht es, um Schülerinnen und Schüler dort abzuholen, wo sie stehen?

    Schülerinnen und Schüler dort abzuholen, wo sie stehen, bedeutet, sie aktiv an der Gestaltung des Unterrichts zu beteiligen und eigenverantwortliches Lernen zu ermöglichen. Ein solcher pädagogischer Wandel kann zunächst herausfordernd wirken – insbesondere für Lehrkräfte, denen die Qualität ihres Unterrichts, die Entwicklung ihrer Schülerinnen und Schüler und ihr Lernerfolg am Herzen liegen. Gleichzeitig eröffnet dieser Perspektivwechsel neue Möglichkeiten. Die Rolle der Lehrkraft verändert sich: Statt Wissen ausschließlich zu vermitteln, begleitet sie Lernprozesse, gibt Orientierung und unterstützt Schülerinnen und Schüler dabei, eigenständig zu lernen.

    Auch wenn Schülerinnen und Schüler manchmal einen anderen Eindruck haben – Lehrkräfte sind genauso Menschen wie sie. Und so wie Kinder von anschaulichen Beispielen aus der Praxis profitieren, gilt das auch für Erwachsene. Die folgenden Perspektivwechsel können dabei helfen, den Übergang zu einem schülerzentrierten Unterricht zu erleichtern.

    Bisherige Sichtweise:
    Schülerzentrierte Sichtweise:

    “Er ist noch nicht so weit.”

    “Was möchte ich heute unterrichten?”

    Auswendig lernen und Wissen wiedergeben

    Fokus auf Lerninhalte

    “Mit der richtigen Unterstützung kann er den nächsten Schritt gehen.”

    “Was braucht diese Schülerin oder dieser Schüler jetzt, um erfolgreich weiterzulernen?”

    Verstehen, Zusammenhänge erkennen und Wissen sicher anwenden

    Fokus auf Kompetenzen

    Auf den ersten Blick erscheint der Gedanke eines schülerzentrierten Unterrichts leicht nachvollziehbar. In der Praxis bringt die Umstellung jedoch häufig Fragen mit sich. Vielleicht kommen Ihnen einige davon bekannt vor:
     

    1. Eigenverantwortliches Lernen fördern – Was bedeutet das konkret? Wie beginne ich damit? Und wie viel Verantwortung können Schülerinnen und Schüler bereits übernehmen?
       
    2. Den Lehrplan im Blick behalten – Wie stelle ich sicher, dass meine Schülerinnen und Schüler die Lernziele erreichen? Und wie kann ich Lernerfolge sinnvoll erfassen und bewerten?
       
    3. Unterricht organisieren – Wie gelingt es, auf individuelle Lernbedürfnisse einzugehen und gleichzeitig die gesamte Klasse in ihrem Lernprozess zu begleiten?
       
    4. Lernstände einschätzen – Wie finde ich heraus, wo meine Schülerinnen und Schüler gerade stehen? Und wie gehe ich damit um, wenn sie sich auf ganz unterschiedlichen Lernniveaus befinden?

    Keine Sorge, wenn Ihnen diese Fragen bekannt vorkommen. Im nächsten Abschnitt zeigen wir Ihnen Schritt für Schritt, wie Sie Schülerinnen und Schüler dort abholen können, wo sie stehen.

    Den Übergang vom lehrer – zum schülerzentrierten Unterricht gestalten

    Die Grundlagen eines schülerzentrierten Unterrichts zu verstehen, ist ein wichtiger erster Schritt. Entscheidend ist jedoch, diesen Ansatz auch im Unterricht umzusetzen. Die folgenden Empfehlungen unterstützen Sie dabei, Schritt für Schritt in die Praxis einzusteigen. Ähnlich wie ein gut strukturierter Unterricht bauen die einzelnen Schritte aufeinander auf: Sammeln Sie zunächst Erfahrungen mit einem Schritt, bevor Sie den nächsten ausprobieren. So gewinnen Sie Sicherheit und entwickeln Ihren Unterricht kontinuierlich weiter.

    1. Mit einem Driving Question Board starten

      • Ein Driving Question Board (DQB) ist eine Tafel oder Pinnwand im Klassenraum, auf der die zentrale Leitfrage eines Themas festgehalten wird. Im Verlauf der Unterrichtseinheit beteiligen sich die Schülerinnen und Schüler aktiv am Unterricht, notieren ihre Fragen auf der Tafel und nutzen sie als Roadmap, um einzelne Lernaktivitäten mit dem übergeordneten Thema zu verknüpfen. Das ist handlungsorientiert und motivierend, aber auch effektiv – eine Win-Win-Situation!

      • Ein DQB eignet sich hervorragend als erster Schritt auf dem Weg zu einem schülerzentrierten Unterricht. Dafür gibt es gute Gründe:

        • Es erleichtert den Einstieg – sowohl für Lehrkräfte als auch für Schülerinnen und Schüler. Das DQB fördert die aktive Beteiligung am Unterricht, stärkt das eigenverantwortliche Lernen und regt dazu an, ein Thema aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Gleichzeitig werden Lernende ermutigt, Fragen zu stellen und sich bewusst mit dem auseinanderzusetzen, was sie noch lernen möchten.  

        • Es schafft Transparenz über den Lernstand der Klasse. Die Fragen der Schülerinnen und Schüler geben Lehrkräften wertvolle Einblicke in ihr Vorwissen, ihre Interessen und ihre bisherigen Vorstellungen zum Thema. Dadurch wird sichtbar, woran der Unterricht anknüpfen kann und welche Themen besondere Aufmerksamkeit benötigen.

    2. Zusammenarbeit und gemeinsames Lernen fördern

      • Sobald das Driving Question Board (DQB) im Unterricht etabliert ist und die Schülerinnen und Schüler mehr Verantwortung für ihr eigenes Lernen übernehmen, kann es als Grundlage für die Unterrichtsplanung und das gemeinsame Lernen genutzt werden.

      • Nutzen Sie die Fragen und Ideen auf dem DQB, um Ihren Unterricht zu planen. So zeigen Sie Ihren Schülerinnen und Schülern, dass ihre Beiträge und Fragen den Unterricht aktiv mitgestalten und ihre Perspektiven wertvoll sind.

      • Nutzen Sie das DQB, um den Austausch in der Klasse zu fördern und den Unterricht lebendig zu gestalten. Verabschieden Sie sich von der Haltung „Ich entscheide allein, was im Unterricht passiert.“ und entdecken Sie stattdessen gemeinsam mit Ihren Schülerinnen und Schülern neue Fragestellungen. Gehen Sie ihren Fragen nach und finden Sie Antworten gemeinsam.

      • Bleiben Sie offen und flexibel in Ihrer Unterrichtsgestaltung. Trauen Sie sich, Ihren Unterricht an den Fragen und Bedürfnissen Ihrer Schülerinnen und Schüler auszurichten und Ihre Planung bei Bedarf anzupassen – auch kurzfristig. So entsteht ein Unterricht, der die Lernenden in den Mittelpunkt stellt und ihre Entwicklung bestmöglich unterstützt.

    3. Offen für Unbekanntes bleiben

      • Fördern Sie Neugier und zeigen Sie Ihren Schülerinnen und Schülern, dass jede Frage willkommen ist – ob klein, groß oder ungewöhnlich. Wenn einmal niemand die Antwort kennt, finden Sie sie gemeinsam heraus. Freuen Sie sich über das Lächeln Ihrer Schülerinnen und Schüler, wenn sie etwas Neues beitragen.

      • Ein offener und flexibler Unterricht kann anfangs ungewohnt sein. Wenn Schülerinnen und Schüler mitbestimmen dürfen, welche Richtung der Unterricht einschlägt, stärkt das ihre aktive Beteiligung und zeigt ihnen, wie wertvoll gemeinsames Entdecken und Erforschen ist – auch wenn das Ergebnis noch nicht feststeht.

    4. Unterschiedliche Lösungen zulassen

      • Wenn unterschiedliche Lösungen ausdrücklich zugelassen werden, stärkt das das Selbstvertrauen aller Schülerinnen und Schüler und fördert kreatives Denken. Und das unabhängig von ihren individuellen Voraussetzungen. Das Prinzip des entdeckenden Lernens ermutigt Lernende, eigene Lösungen für eine Herausforderung zu entwickeln, bei der es nicht die eine richtige Antwort oder einen einzigen richtigen Lösungsweg gibt. Dieses Prinzip funktioniert, weil …

        • Schülerinnen und Schüler ihren Lernweg selbst gestalten und eigenen Interessen nachgehen können, ohne das gemeinsame Lernziel aus den Augen zu verlieren.

        • unterschiedliche Lernvoraussetzungen berücksichtigt werden und jede Schülerin und jeder Schüler auf eine Weise arbeiten kann, die für sie sinnvoll ist.

        • Lernende ein Problem aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten, kritisch und kreativ denken und dadurch ihr Verständnis vertiefen sowie neue Kompetenzen entwickeln.

      • Erinnern Sie sich an die Frage, wie sich individuelle Förderung im Unterricht umsetzen lässt? Unterschiedliche Lösungen zuzulassen erweist sich als besonders hilfreich, wenn es darum geht, den Unterricht zu differenzieren und einen reibungslosen Ablauf im Klassenzimmer zu gewährleisten.

        • Schülerinnen und Schüler, die ein Thema bereits beherrschen, können ihr Verständnis weiter vertiefen, indem sie für dieselbe Fragestellung alternative Lösungen entwickeln, anstatt direkt mit einer neuen Aufgabe zu beginnen. So bleiben sie gefordert und Lehrkräfte gewinnen Zeit, um Schülerinnen und Schüler gezielt zu unterstützen, die noch mehr Begleitung benötigen.

        • Gleichzeitig profitieren Schülerinnen und Schüler, die zusätzliche Unterstützung brauchen. Offen formulierte und sinnvoll strukturierte Aufgaben ermöglichen es ihnen, Lösungen auf eine Weise zu entwickeln, die ihrem individuellen Lernstand entspricht.

    5. Informelle und formelle Leistungsbeurteilung

      • Die Überprüfung des Lernstands gehört selbstverständlich zum Unterricht. Deshalb stellt sich vielen Lehrkräften die Frage, wie sich ein schülerzentrierter Unterricht mit klassischen Formen der Leistungsbeurteilung vereinbaren lässt. Schließlich möchten sie sicher sein, dass sie den Lernstand ihrer Schülerinnen und Schüler zuverlässig einschätzen und die Wirksamkeit ihres Unterrichts nachvollziehbar beurteilen können. Auch in einem schülerzentrierten Unterricht bieten sich zwei Möglichkeiten der Leistungsbeurteilung an:

        • Informelle Lernstandsüberprüfungen geben Lehrkräften wertvolle Einblicke in den Lernprozess ihrer Schülerinnen und Schüler. Fragen wie „Beherrschen die Schülerinnen und Schüler die Konzepte und Kompetenzen dieses Themas? Können sie ihre Überlegungen nachvollziehbar erklären und kreative Lösungen entwickeln?“ helfen dabei, den Unterricht gezielt anzupassen, zukünftige Unterrichtseinheiten zu planen und den Lernprozess kontinuierlich zu begleiten.

        • Klassische Leistungsnachweise wie Klassenarbeiten, benotete Aufgaben oder Tests sind nicht immer die beste Möglichkeit, den Lernerfolg in einem schülerzentrierten Unterricht zu beurteilen. Dennoch lässt sich auch hiermit zuverlässig einschätzen, wie gut Schülerinnen und Schüler ein Thema verstanden haben – selbst wenn es nicht nur eine richtige Antwort, sondern mehrere mögliche Lösungen gibt. Bitten Sie Ihre Schülerinnen und Schüler beispielsweise, ihren Lösungsweg und ihre Überlegungen zu erläutern. So erkennen Sie, wie gut sie das Thema verstanden und verinnerlicht haben. Entscheidend ist nicht, ob es nur eine richtige Antwort gibt, sondern ob sie ihre Lösung nachvollziehbar herleiten und mit stichhaltigen Argumenten begründen können. Ist das der Fall, zeigt sich, dass sie die Inhalte verstanden haben und auf dem Weg sind, ihre Kompetenzen weiterzuentwickeln.

    Der Wandel braucht Zeit – aber er lohnt sich

    Schülerinnen und Schüler dort abzuholen, wo sie stehen, bedeutet, den eigenen Unterricht neu auszurichten. Das kann zunächst herausfordernd wirken – eröffnet aber zugleich große Chancen für Lehrkräfte und Lernende.

    Veränderungen entstehen nicht von heute auf morgen. Ein schülerzentrierter Unterricht entwickelt sich Schritt für Schritt und braucht Zeit. Er erfordert dieselbe Geduld, Ausdauer und dasselbe Verständnis, das wir unseren Schülerinnen und Schülern jeden Tag entgegenbringen.

    Zu erleben, wie aus zunächst zurückhaltenden oder wenig motivierten Lernenden neugierige, engagierte und kreative Persönlichkeiten werden, ist jedoch jede Mühe wert – besonders dann, wenn sie zuvor nur wenig Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten hatten oder sich nur schwer für das Lernen begeistern konnten.

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